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Metaethik
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Metaethik oder Fundamentalethik versucht die Natur der Moral im Allgemeinen zu bestimmen und arbeitet dabei beispielsweise semantische Analysen moralischer Urteile aus. Inhaltliche Aussagen bezĂŒglich der moralischen Bewertung einzelner Handlungen werden dagegen nicht gemacht.
Contents
âą Grundfragen
âą Realismus
âą Antirealismus
âą Nonkognitivismus
âą Kognitivismus
âą Siehe auch
âą Literatur
⹠PrimÀrliteratur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Grundfragen
Die Metaethik wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts ursprĂŒnglich vor allem im angloamerikanischen Sprachraum entwickelt und ist durch vier verschiedene Kontroversen gekennzeichnet, die aber oft quer durcheinander und miteinander vermengt diskutiert werden, da sie logisch zusammenhĂ€ngen:
âą Im Streit Kognitivismus versus Nonkognitivismus geht es um folgende Fragen: Wird in der Ethik etwas erkannt oder nur befĂŒrwortet? Sind moralische SĂ€tze wahrheitsfĂ€hig? Gibt es intersubjektiv verbindliche GeltungsansprĂŒche fĂŒr Normen?
âą Im Streit Generalismus versus Partikularismus geht es um die Frage: Gibt es allgemeine ethische Regeln oder kann nur in jedem Einzelfall entschieden werden?cite-ref-1[1]
âą Im Streit Realismus versus Antirealismus geht es um die Frage: Gibt es objektive Werte jenseits subjektiver Wertvorstellungen und WĂŒnsche?
âą Im Streit Moral versus Amoralismus, Relativismus und Nihilismus geht es um die Fragen: Soll man ĂŒberhaupt moralisch sein? Wenn ja, warum?
Zur zweiten Fragestellung gehört die ontologische Frage nach Referenzen und Wahrmachern: Existieren basale moralische Eigenschaften bzw. Tatsachen und wie sind diese beschaffen? Einen stÀrker epistemologischen Themenkreis stellt die Problematik des epistemischen Zugangs zu moralischen Wahrheiten und zur rationalen Rechtfertigung moralischer Urteile dar.
Realismus versus Antirealismus
Realismus
Der ethische Realismus besagt, dass es objektive Werttatsachen gibt, die unabhĂ€ngig von einem subjektiven FĂŒrwahrhalten gelten. Der ethische Realist wendet sich gegen die konventionalistische Auffassung, dass Werte allein aus persönlichen PrĂ€ferenzen abzuleiten sind. Moralische Tatsachen werden fĂŒr den Realisten nicht konstituiert, sondern sie bestehen unabhĂ€ngig vom erkennenden Subjekt. Moralische, ethische oder zukĂŒnftige Entwicklungen jedoch sind durch ein âHoffenâ und âBangenâ geprĂ€gt, welches wiederum auf subjektive Empfindungen und EinschĂ€tzungen seitens der objektiven Befunde zurĂŒckzufĂŒhren ist.
Schwacher ethischer Realismus
Positionen, die sich darauf beschrĂ€nken, die WahrheitsfĂ€higkeit von ethischen Aussagen anzunehmen, kann man als schwachen ethischen Realismus bezeichnen. Die These lautet: âDer moralische Realist unterscheidet sich nur vom Antirealisten, als er behauptet: Moralische Urteile haben den Wahrheitswert und können auch den Wahrheitswert âwahrâ besitzen.âcite-ref-2[2]
Wie in der Erkenntnistheorie gehört es zum Wesen des schwachen ethischen Realismus, dass der Fallibilismus anerkannt wird. FĂŒr den schwachen Realisten können moralische Urteile immer fehlerhaft sein.
Um die Diskussion ĂŒber den Realismus rational in einem akzeptablen Bereich zu fĂŒhren, beschrĂ€nken schwache ethische Realisten ĂŒblicherweise den Anwendungsbereich moralischer Urteile:cite-ref-3[3]
âą Die SinngemĂ€Ăheit (literal interpretation) fordert, dass die Beschreibung des Gegenstandsbereiches der intuitiven Alltagsauffassung nicht grundsĂ€tzlich widersprechen darf.
âą Die Angemessenheit ist eine Anforderung, mit der zu groĂe Spitzfindigkeiten ausgeschlossen werden sollen. So sind kontrafaktische Gedankenexperimente mit zu speziellen Bedingungen wie das AusschlieĂen eines subjektiven Handlungsmodells nicht angemessen. Zum Beispiel sind GegenstĂ€nde mit nur physikalischen Eigenschaften wie Steine oder Elektronen weder hartherzig noch ungerecht.
Starker ethischer Realismus
Ein fundamentaler ethischer Realist vertritt die Auffassung, dass es objektive MaĂstĂ€be fĂŒr die Wahrheit von moralischen Aussagen gibt. Dabei gibt es verschiedene Vorstellungen, nach welchen Regeln eine Aussage als wahr anerkannt werden soll:
Substantieller Wertrealismus
Ausgehend von der Wertphilosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Heinrich Rickert, Robert Reininger) gibt es Vertreter des ethischen Realismus, die annehmen, dass Werte als EntitĂ€ten einer besonderen Art eine ontologische Existenz haben. Nach Max Scheler gibt es âechte und wahre WertqualitĂ€tenâ, die âvom Dasein einer GĂŒterwelt, in der sie zur Erscheinung kommen, desgleichen von der Bewegung und VerĂ€nderung in dieser GĂŒterwelt in der Geschichte ganz unabhĂ€ngig und fĂŒr deren Erfahrung a prioriâ sind.cite-ref-4[4] Die WertphĂ€nomenologie, zu der auch Nicolai Hartmann zu rechnen ist, begrĂŒndet die Existenz von Werten mit ihrer Evidenz. Die Position wird auch als moralischer Intuitionismus bezeichnet. Auch hier kann man wieder eine starke und eine schwache Auffassung unterscheiden. Stark bedeutet eine vollstĂ€ndige, schwach eine zumindest teilweise UnabhĂ€ngigkeit von subjektiven EinflĂŒssen wie Interessen, WĂŒnschen oder Wollen.
Die Kritik an dieser Auffassung weist darauf hin, dass die Behauptung objektiver Werte noch gar nicht zeigt, welches denn diese objektiven Werte seien. So sind fĂŒr verschiedene Menschen womöglich ganz verschiedene Werte evident. Da entsprechende Streitfragen ohne Annahmen jenseits des substantiellen Wertrealismus nur durch weitere Evidenzen entscheidbar wĂ€ren, stellt sich die Frage, wer die bessere Intuition hat. Das kann natĂŒrlich nicht zirkelfrei anhand der Ergebnisse der konfligierenden Intuitionen entschieden werden.
Nonkognitivisten und Amoralisten behaupten, fĂŒr sie seien gar keine Werte evident oder intuitiv einsichtig. Wertrealisten nennen diese Kritiker dann defizient analog zu Blinden. In diesem Streit wĂ€re zunĂ€chst genauer zu explizieren, was mit Evidenz und Intuition genau gemeint ist. Auf der Ebene körperlichen Leidens und der EinfĂŒhlung darein ist die Analogie zur Wahrnehmung naheliegender als bei komplexen kulturellen Werten. Dennoch ist nicht klar, auf welcher Basis eine besondere EmpfĂ€nglichkeit oder Blindheit beruhen sollte.
Prozeduraler moralischer Realismus
Thomas Nagel hĂ€lt es nicht fĂŒr notwendig, dass ein ethischer Realist den moralischen Werten einen ontologischen Status zuweisen muss: âDie Position, die Werte als wirklich anerkennt, besagt keineswegs, dass sie okkulte Wesenheiten oder QualitĂ€ten sind, sondern dass sie reale Werte sind: dass ein Urteil ĂŒber diese Werte und die GrĂŒnde, die Menschen fĂŒr ihr Wirken haben, auch unabhĂ€ngig von unseren Ăberzeugungen oder Neigungen wahr oder falsch sein können.âcite-ref-5[5] Stattdessen kann man Verfahren finden, die eine ObjektivitĂ€t bei der Bewertung moralischer Aussagen herstellen. Nagel schlĂ€gt hierzu vor, zur Bewertung einer Aussage einen Standpunkt einzunehmen, der von subjektiven Interessen absieht, und unparteiisch zu urteilen. Ăhnlich hatte bereits Adam Smith vorgeschlagen, als MaĂstab zur Entscheidung ethischer Fragen das Urteil eines unbeteiligten, neutralen Beobachters zugrunde zu legen.cite-ref-6[6] FĂŒr Nagel ist es im Gegensatz zu Mackie keine Frage, ob es das Gute gibt, sondern ob es unparteiische GrĂŒnde gibt, etwas als gut zu beurteilen.
Die Kritik wirft Nagel Dezisionismus vor, da er keinen Grund angibt, warum man sein Handeln ĂŒberhaupt von einem neutralen Standpunkt aus beurteilen soll. Die normative Verbindlichkeit als logische Notwendigkeit, sich selbst nach moralischen Kriterien zu beurteilen, sei gerade das, was der Realismus mit seiner Behauptung objektiver Werte postuliere, diese aber verfehle Nagel.
Rationalistischer moralischer Realismus
Von Kantianern wie John Rawls wird angenommen, dass man Maximen finden kann, die fĂŒr eine praktische RationalitĂ€t universell gĂŒltig sind. Dies beinhaltet die ontologische Existenz der zugrunde gelegten MaĂstĂ€be.
Antirealismus
Antirealismus besteht nur in der Kritik des Realismus.
Gegen den ethischen Realismus argumentiert John Leslie Mackie, dass man analog zur erkenntnistheoretischen Diskussion der Korrespondenztheorie der Wahrheit (siehe auch MĂŒnchhausen-Trilemma) keine logische Möglichkeit hat, die Existenz ethischer Werte zu begrĂŒnden. Daher ist jede Behauptung, eine moralische Aussage sei wahr, ein Irrtum (Irrtumstheorie). Ethische Realisten verweisen gegen dieses Argument Ă€hnlich wie erkenntnistheoretische Realisten auf den Erfolg ihrer Position in der Alltagspraxis (vgl. die Argumente zum hypothetischen Realismus). Da aber VerstöĂe gegen moralische Normen diese nicht falsifizieren können und auch hĂ€ufig vorkommen, ist unklar, worin diese Erfolge bestehen.
Kognitivismus versus Nonkognitivismus
Nonkognitivismus
Nach dem Nonkognitivismus ist der Bereich des Normativen keiner wissenschaftlichen (wahren und objektiv gĂŒltigen) Erkenntnis zugĂ€nglich. Denn sittliche Ăberzeugungen entzögen sich den beiden Wahrheitskriterien der empirischen Wissenschaften, dem logischen oder mathematischen Beweis und der ĂberprĂŒfung durch Beobachtung oder Experiment. Die Frage nach der Ăbereinstimmung moralischer Aussagen mit der Wirklichkeit sei sinnlos, weswegen fĂŒr sie auch kein Wahrheitsanspruch erhoben werden könne (siehe auch Humes Gesetz).
FĂŒr Nonkognitivisten ist das Einhalten von ethischen Regeln eine Frage des Charakters und nicht des Wissens. Moral kann demzufolge nur als Habitus antrainiert, aber nicht als abstraktes Wissen gelernt werden.
Ein Vertreter des Nonkognitivismus in der Gegenwartsphilosophie ist Simon Blackburn, der darauf verweist, dass die Kritik nonkognitivistischer Ethiker am Kognitivismus sich nicht gegen moralische ĂuĂerungen, sondern nur dessen ObjektivitĂ€tsanspruch richtet. Der Nonkognitivist kritisiert lediglich die BegrĂŒndung ethischer Aussagen, aber nicht die in der Praxis vorzufindenden Werthaltungen und Urteile. Allerdings stimmen Amoralisten der nonkognitivistischen Kritik voll zu.
Emotivismus
Als Emotivismus (auch: Expressivismus) bezeichnet man eine non-kognitivistische metaethische Theorie, nach der moralische Urteile lediglich als Ausdruck unserer eigenen (emotionalen) Einstellungen zu verstehen sind, wobei die gebietende Form der Urteile als Mittel zur Beeinflussung der Einstellungen anderer im Sinne dieses Urteils gedeutet wird.cite-ref-7[7]cite-ref-8[8]cite-ref-9[9] Er kann sowohl auf sprachanalytischer als auch auf metaphysischen Ebene vertreten werden.cite-ref-10[10]
AngestoĂen durch den wachsenden Einfluss der analytischen Philosophie und des logischen Positivismus im 20. Jahrhundert, wurde diese Theorie mit am deutlichsten von Alfred Jules Ayer in seinem 1936 erschienenen Buch Language, Truth and Logic vertreten,cite-ref-11[11] um dann von Charles L. Stevenson in entscheidenden Hinsichten weiterentwickelt zu werden.cite-ref-12[12] Einen grundlegenden Beitrag zur emotiven Theorie leistete zuvor G. E. Moore mit der Untersuchung von BezĂŒgen zwischen den Begriffen âgutâ und âschönâ in Principia Ethica von 1903.cite-ref-13[13]cite-ref-14[14]
Der Emotivismus stĂŒtzt sich auf die Erkenntnis, dass durch den Sprechakt nicht nur Information vermittelt wird, sondern auch GefĂŒhle ausgedrĂŒckt und hervorgerufen werden. Er wurde angeregt vom Positivismus des Wiener Kreises und von Ludwig Wittgenstein.
Nach dieser Auffassung kann âgutâ deshalb nicht definiert werden, weil es sich dabei nur um einen Scheinbegriff handelt. Der Satz âDu hast unrecht getan, dass du das Geld gestohlen hast,â unterscheidet sich von dem Satz âDu hast das Geld gestohlenâ nur durch die zusĂ€tzliche moralische Missbilligung, neben der dem Wort âstehlenâ impliziten, die ich in dieser Sprachhandlung zum Ausdruck bringe. Statt des Satzes âGeld wegnehmen ist unrechtâ könnte man ebenso gut sagen: âGeld stehlen!â und die Worte mit einem bestimmten tadelnden Ton aussprechen (Ayer).
Dabei ist zu beachten, dass nach der emotivistischen Theorie Werturteile keine SĂ€tze sind, die GefĂŒhle ausdrĂŒcken. Denn dies wĂ€ren Tatsachenurteile ĂŒber einen zugrundeliegenden psychologischen Tatbestand (das Empfinden bestimmter GefĂŒhle) und damit keine Werturteile. Ein Werturteil ist vielmehr der Ausdruck eines GefĂŒhls; es kann deshalb weder wahr noch falsch sein.
Die wichtigsten Argumente des Nonkognitivismus finden sich bereits bei David Hume. Seiner Ansicht nach können nur zwei Typen von SĂ€tzen einen Wahrheitsanspruch erheben: SĂ€tze, die eine Aussage ĂŒber die Beziehung von Vorstellungen (ideas) enthalten und SĂ€tze, die eine Aussage ĂŒber den Bereich der Erfahrung machen. Bei den âGegenstĂ€ndenâ der Moral, Affekten, Willensakten und Handlungen ist fĂŒr Hume die Frage nach einer Ăbereinstimmung mit der Wirklichkeit sinnlos, SĂ€tze darĂŒber können nach Humes Gesetz nicht aus FaktensĂ€tzen gefolgert werden. Die Vernunft sei nicht in der Lage, den Willen zu motivieren oder sich einem Affekt zu widersetzen. Ihre Funktion erschöpfe sich darin, dass sie Mittel fĂŒr die von den Affekten vorgegebenen Ziele sucht. Die Regeln der Moral sind nach Hume keine Folgerungen der Vernunft, sondern beruhen nur auf einem GefĂŒhl:
Die Vernunft ist nur Sklave der Affekte und soll es sein. Sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen, als die, denselben zu dienen und zu gehorchen [âŠ]. Es lĂ€uft der Vernunft nicht zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will als einen Ritz an meinem Finger.cite-ref-15[15]
In der metaethischen Diskussion der Gegenwartsphilosophie wurde dieser Ansatz Humes wieder aufgegriffen. So unterscheidet Alfred Jules Ayer wie Hume zwei Klassen sinnvoller Aussagen oder Propositionen: analytische und empirische Propositionen. Moralische SĂ€tze lassen sich fĂŒr Ayer in keine dieser beiden Klassen einordnen. Sie dienen seiner Auffassung nach vielmehr dem Ausdruck von GefĂŒhlen oder von Einstellungen des Sprechers und sollen bei anderen GefĂŒhle hervorrufen, um so Handlungen auszulösen:
Das Vorhandensein eines ethischen Symbols in einer Proposition fĂŒgt ihrem tatsĂ€chlichen Inhalt nichts hinzu. Wenn ich daher zu jemand sage âDu tatest Unrecht, als du das Geld stahlstâ, dann sage ich nicht mehr aus, als ob ich einfach gesagt hĂ€tte, âDu stahlst das Geldâ. Indem ich hinzufĂŒge, dass diese Handlung unrecht war, mache ich ĂŒber sie keine weitere Aussage. Ich zeige damit nur meine moralische Missbilligung dieser Handlung. Es ist so, als ob ich âDu stahlst das Geldâ in einem besonderen Tonfall des Entsetzens oder unter HinzufĂŒgung einiger besonderer Ausrufezeichen geschrieben hĂ€tte. Der Tonfall oder die Ausrufezeichen fĂŒgen der Bedeutung des Satzes nichts hinzu. Sie dienen nur dem Hinweis, dass sein Ausdruck von gewissen GefĂŒhlen des Sprechers begleitet wird.cite-ref-16[16]
Kritik am Emotivismus
Gegen die These des Emotivismus, ethische Aussagen seien bloĂe GefĂŒhlsĂ€uĂerungen ohne Wahrheitswert, wird neben dem Verweis auf die SelbstwidersprĂŒchlichkeit des Nonkognitivismus (vgl. Skeptizismus) unter anderem der Einwand erhoben, dass dieser den lokutionĂ€ren Bestandteil von moralischen ĂuĂerungen zu sehr vernachlĂ€ssige. Moralische ĂuĂerungen drĂŒckten zwar eine subjektive Einstellung des Sprechers zum Gegenstand aus und dienten auch dazu, eine bestimmte Verhaltensweise des anderen auszulösen. Ihre Bedeutung könne sich aber darin nicht erschöpfen, da die Ăberzeugung von der Richtigkeit der eigenen Aussage die Grundlage der eigenen Einstellung und des Anspruchs an den anderen darstelle. Weiterhin könnten Emotionen und Aufforderungen ihrerseits wiederum einer ethischen Bewertung unterzogen werden. Es sei generell sinnvoll zu fragen, ob die mit einer moralischen ĂuĂerung verbundene Emotion oder die Handlung, die man beim Adressaten eigener ĂuĂerung auslösen möchte, ihrerseits gut sind.
Kognitivisten betonen weiterhin, dass die Frage: âWie soll ich in der gegebenen Situation handeln?â eine sinnvolle Frage ist und dass die Antworten, die darauf gegeben werden, nicht gleichgĂŒltig sind. SĂ€tze, die beinhalten, wie Menschen handeln sollen, stellen Behauptungen mit einem Anspruch auf Richtigkeit dar. Diesen allgemeinen Geltungsanspruch kann man durch Argumente rechtfertigen oder kritisieren. Insofern ist fĂŒr die Kognitivisten das BemĂŒhen der Ethik um die möglichst allgemeingĂŒltige Beantwortung von Fragen, wie gehandelt werden soll, keineswegs sinnlos oder ĂŒberflĂŒssig.
Metaethik des Werterelativismus
Der Werterelativismus bzw. ethische Relativismus ist der Auffassung, dass normative MaĂstĂ€be menschlichen Handelns nicht universell wahr sind, sondern höchstens innerhalb einer bestimmten Kultur (Kulturrelativismus) beziehungsweise einer bestimmten historischen Epoche (historischer Relativismus) faktisch gĂŒltig sind.
Eine Kritik an dieser Position lautet, dass die Deskription sozialer Konventionen die Frage nach rationalen Handlungs- oder MoralbegrĂŒndungen ohne Bezug auf eine bestimmte Kultur oder Tradition nicht sinnlos macht. Strittig zwischen Relativisten und ihren Gegnern ist die Frage, ob man so stark von seiner eigenen kulturellen PrĂ€gung abstrahieren kann, dass man einen neutralen Standpunkt einnimmt.
Kognitivismus
Der Kognitivismus hĂ€lt an der prinzipiellen Erkennbarkeit des Sittlichen fest. SĂ€tze der Moralsprache enthalten aus seiner Sicht Aussagen, fĂŒr die ein Wahrheits- oder mindestens FallibilitĂ€tsanspruch erhoben wird. In der Frage, wie dieser Wahrheitsanspruch eingelöst werden kann, unterscheiden sich die verschiedenen Richtungen. Viele Kognitivisten sind ethische Realisten, die an auffindbare objektive Werte glauben. Antirealistische Kognitivisten hingegen berufen sich auf intersubjektive Diskurse oder Kritiken als Erkenntnismethoden, die keine subjektunabhĂ€ngigen Werte nötig haben.
Kognitivisten bringen u. a. drei Argumente gegen Nonkognitivisten vor:
âą Wenn Bewertungen funktional verstanden werden, handelt es sich nicht wirklich um moralische Urteile.
⹠Die nonkognitivistische These, dass normative Urteile nicht wahrheitsfÀhig sind, widerspricht der alltÀglichen Redeweise, in der sich Menschen fragen, ob sie tatsÀchlich oder wirklich dies oder das tun oder lassen sollen, ohne sich dabei auf soziale Instanzen zu beziehen.
âą Nonkognitivisten können nur relative MoralbegrĂŒndungen angeben und fallen so unter der Kritik der Amoralisten.
Antirealistischer Kognitivismus
Fiktionalismus
Der Fiktionalismus geht davon aus, dass die Rede ĂŒber Moral eine Rede ĂŒber fiktive GegenstĂ€nde ist, die also nicht wahr oder falsch ist. Dennoch kann das Zustandekommen einer handlungsleitenden Sammlung von Normen, Narrativen oder Werten untersucht und an internen Kriterien sowie an ihrem Zweck gemessen werden. Friedrich Nietzsche vertrat einen Fiktionalismus bezĂŒglich der Moral,cite-ref-17[17] ebenso z. B. Richard Joyce in Anlehnung an die Irrtumstheorie von John Leslie Mackie.
Metaethik der Diskursethik
Eine moderne Variante des Kognitivismus stellt die Diskursethik dar. Diskursethiker wie Habermas gehen davon aus, dass ethische Normen nicht allein mit Hilfe von Wahrnehmung und Logik begrĂŒndet werden können. Daher beanspruchen sie, nicht gegen Humes Gesetz zu verstoĂen und nicht den naturalistischen Fehlschluss zu begehen.
Habermas weist jedoch darauf hin, dass moralische Urteile in gleicher Weise wie empirische Aussagen als âwahrâ oder ârichtigâ behauptet werden. Der mit dieser Behauptung erhobene Geltungsanspruch entspricht dem Anspruch auf Wahrheit bei empirischen Aussagen.
So wie die Wahrheit von empirischen Aussagen ĂŒber die Beschaffenheit der Welt begrĂŒndet werden muss, wenn es sich nicht um bloĂe Dogmen handeln soll, so kann und muss bei ethischen Behauptungen der Anspruch auf Richtigkeit durch allgemein akzeptable GrĂŒnde eingelöst werden. Das heiĂt, es muss ĂŒber die ethische Behauptung ein zwangfreier, allein auf Argumenten beruhender Konsens hergestellt werden können, wenn sie richtig sein soll. Diese Position wird auch als âKonsenstheorie der Wahrheitâ bezeichnet.
Der Konsens wurde von Habermas ursprĂŒnglich faktisch verstanden, in Ermangelung der realen Existenz eines solchen aber spĂ€ter als Ideal postuliert.
Kritik an der Metaethik der Diskursethik
Habermas verweist zur Erreichung eines Konsenses bei der Beantwortung normativer Fragen auf den herrschaftsfreien Diskurs. Die Regeln des Diskurses gelten jedoch fĂŒr die richtige Beantwortung aller sinnvollen Fragen, nicht nur der moralischen. Die positiven Wissenschaften verfĂŒgen darĂŒber hinaus jedoch auch noch ĂŒber das Kriterium der intersubjektiv ĂŒbereinstimmenden Beobachtung. Ein entsprechendes konsensstiftendes Kriterium fehlt bei fast allen Diskurstheoretikern.cite-ref-18[18]
Geltung gebe es nur in Bezug auf gesellschaftliche normierende Instanzen, die formale Inkraftsetzungsakte vollziehen. Habermas falle auf ein Sprachspiel herein, wenn er darĂŒberhinausgehende GeltungsansprĂŒche ernst nĂ€hme, und daher hinter Wittgenstein zurĂŒck. Auch andere allgemein verbreitete Redeweisen können nicht wörtlich genommen werden, da zum Beispiel niemand glaubt, dass Rechenmaschinen Selbstbewusstsein haben, obwohl viele Menschen âDer Computer denkt âŠâ sagen.
Einen faktischen Konsens gibt es nicht. Die Auswahl eines idealen Konsenses als Wahrheitskriterium oder ein Ăquivalent dazu ist willkĂŒrlich, genauso gut könnte ideale Evidenz gewĂ€hlt werden.cite-ref-19[19] Konsens garantiere auch keine Wahrheit, da sich auch einfach alle irren könnten.
Realistischer Kognitivismus
Naturalismus
Naturalisten glauben nicht an objektive Werte, ein Naturrecht oder religiöse Ordnungen. Ethische Normen lassen sich daher schwer letztbegrĂŒnden.
Gerhard Vollmer schlieĂt eine LetztbegrĂŒndbarkeit aus. FĂŒr ihn sind beispielsweise relative BegrĂŒndungen möglich, âdie an meine eigenen Interessen, meine GefĂŒhle, mein Mitleid, meine Hoffnungen, meine Ăngste, meine Versprechenâ appellieren. Daraus können VertrĂ€ge wie etwa Menschenrechte entwickelt werden. Ein anderes Beispiel ist eine Nachhaltigkeitsforderung wie âWir sollten dafĂŒr sorgen, dass es kĂŒnftigen Generationen nicht schlechter geht als uns!â. Da es keine LetztbegrĂŒndbarkeit gibt, bleiben solche menschengemachten Grundnormen zeitgebunden.cite-ref-20[20]
FĂŒr andere Naturalisten gibt es moralische Fakten, diese sind Teil der Natur.cite-ref-21[21] Nach David Kellogg Lewis und Ralph Barton Perry erweisen sich sittliche PrĂ€dikate bei nĂ€herer Analyse als gleichbedeutend mit gewissen empirischen PrĂ€dikaten, etwa âgutâ mit ânĂŒtzlichâ (Utilitarismus) oder âlustvollâ (Hedonismus). Sittliche Urteile lassen sich dann aus wahren SĂ€tzen ĂŒber den Menschen und die Welt ableiten; die Suche nach der richtigen Moral wird zur Angelegenheit der empirischen Wissenschaften. Andere Vertreter sind Richard Boyd und in Deutschland Peter Schaber.
Diese Form des Naturalismus basiert damit auf der ZurĂŒckweisung des Arguments des naturalistischen Fehlschlusses. Im Unterschied zu Intuitionismus und Supernaturalismus behauptet er die ObjektivitĂ€t moralischer Aussagen, ohne sich auf ĂŒbernatĂŒrliche Fakten zu beziehen.
Es gibt sehr verschiedene Formen von Naturalismus, je nachdem, welche moralische Tatsache jemand in der Natur zu finden glaubt:
Biologisch orientierter Naturalismus behauptet als natĂŒrlich Werte zum Beispiel das individuelle Ăberleben, die erfolgreiche Aufzucht von eigenen Kindern, Neffen und Nichten, das Prinzip der Erhaltung der eigenen Stammlinie (frĂŒher irrtĂŒmlicherweise 'Art', siehe Gruppenselektion) oder das Prinzip zur Weiterentwicklung der eigenen Stammlinie zu einer höheren Evolutionsstufe (Ăbermensch). Hierzu zĂ€hlt auch die Auffassung, dass scheinbar moralischer Altruismus bereits genetisch angelegt und auch in der Tierwelt vorhanden ist (Richard Dawkins). Metaethischer Naturalismus ist dann Voraussetzung der EvolutionĂ€ren Ethik.
Beim ökologisch orientierten Naturalismus wird die IntegritÀt der Natur im Sinne von Gaia zum eigenstÀndigen Wert.
Anthropologisch orientierter Naturalismus wird vertreten von Rosalind Hursthouse und Philippa Foot, die den ethischen Naturalismus durch eine Theorie ĂŒber die Natur des Menschen zu begrĂŒnden versuchen. Hursthouse argumentiert, dass in der Natur von komplexen Lebewesen nicht nur der Wunsch zum Ăberleben und zur Reproduktion liegt. Vielmehr komme es auch auf die Abwesenheit von Leid und das Funktionieren der Gemeinschaft an. Die moralischen Normen ergeben sich nun nach Hursthouse aus ebendiesen Merkmalen, die Teil der menschlichen Natur sind.cite-ref-22[22] Auch der Ethische Egoismus und der EudĂ€monismus können als Varianten des ethischen Naturalismus verstanden werden. EudĂ€monisten argumentieren, dass eine Handlung genau dann moralisch geboten ist, wenn sie mehr GlĂŒck als Leiden zur Folge hat. Aussagen ĂŒber GlĂŒck und Leiden sind nach Ansicht vieler EudĂ€monisten rein deskriptiv, weshalb man normative, moralische Aussagen auf deskriptive Aussagen ĂŒber GlĂŒck und Leid zurĂŒckfĂŒhren könne. Ethische Egoisten dagegen sehen im âNutzenâ d. h. in erfolgreicher Selbstbehauptung den höchsten Zweck sittlichen Lebens. Andere Philosophen sehen die WĂŒrde des Menschen als Fakt.
Schon der Rationalist Christian Wolff kann so verstanden werden, dass er bereits im 18. Jahrhundert einen modallogischen Naturalismus vertrat. Moralisch unmöglich sind ihm zufolge Handlungen mit widersprĂŒchlichen Intentionen. Dies betrifft egoistische Handlungen. Diese dienten nĂ€mlich nur der eignen Selbstverbesserung auf Kosten anderer. Gut ist aber jede Vervollkommnung, böse jede Verschlechterung. Somit sind nur solche Handlungen moralisch möglich, die ausschlieĂlich verbessernd auf alle Betroffenen wirken.cite-ref-23[23]cite-ref-24[24]
Soziologisch orientierte Naturalisten argumentieren, dass normative SĂ€tze faktische soziale Konventionen beschreiben. Der Satz âFolter ist moralisch verwerflichâ ist dann Ausdruck menschengemachter Normen. Mit dieser Argumentation wird eine Position nahe dem Relativismus eingenommen.
Kritik am Naturalismus
Der metaethische Naturalismus muss sich insbesondere mit drei Typen von EinwÀnden auseinandersetzen:
Zum einen kann eingewandt werden, dass nicht klar ist, wie man von den genannten deskriptiven SĂ€tzen zu moralischen SĂ€tzen kommt. Warum sollte man etwa akzeptieren, dass die Aussage âx fĂŒhrt zu mehr GlĂŒck als Leidenâ die Aussage âx ist moralisch gutâ impliziert? Naturalismus wird entweder aufgrund von Humes Gesetz oder mit dem Argument des naturalistischen Fehlschlusses abgelehnt.
Zum zweiten ist nicht immer klar, ob die vorgeschlagenen, natĂŒrlichen Kriterien zu moralisch akzeptablen Normen fĂŒhren. So mag es Handlungen geben, die der Natur des Menschen entsprechen und dennoch als moralisch verwerflich gelten sollen. Das gilt zum Beispiel fĂŒr Xenophobie: Obwohl nach der evolutionĂ€ren Psychologie eine angebliche Abwehrhaltung fremden Menschen gegenĂŒber als beobachtbare Verhaltensweisen evolutionĂ€r selektiert sei, sei diese nicht moralisch gut.
Zum dritten könnte es Handlungen geben, die mehr GlĂŒck als Leiden erzeugen und die man dennoch als unmoralisch zurĂŒckweisen möchte.
Intuitionismus
Als Alternative zum Naturalismus versteht sich der Intuitionismus (George Edward Moore, W. D. Ross, H. W. Prichard, C. D. Broad, A. C. Ewing). Er hĂ€lt die grundlegenden sittlichen Urteile fĂŒr in sich evident, das heiĂt einer bloĂ intuitiven Erkenntnis zugĂ€nglich.cite-ref-25[25]
Diese Schule wendet sich vor allem gegen die naturalistische Auffassung, die das Gute mit irgendwelchen natĂŒrlichen Eigenschaften identifiziert. âGutâ ist nicht durch rein empirische Merkmale definierbar. Den ânaturalistischen Fehlschlussâ begeht nach Moore, wer moralische Eigenschaften mit Hilfe natĂŒrlicher Eigenschaften zu definieren versucht (etwa: âgut bedeutet lustvollâ oder: âgut bedeutet begehrtâ).
Moore behauptet allerdings darĂŒber hinaus noch, dass die Bedeutung von âgutâ völlig undefinierbar sei, weil âgutâ ein einfacher Begriff ist wie etwa âgelbâ. âWie man unmöglich jemandem, der es nicht schon kennt, erklĂ€ren kann, was gelb ist, kann man ihm auch nicht erklĂ€ren was gut istâ. Realdefinitionen, welche das wahre Wesen des durch ein Wort bezeichneten Gegenstandes oder Begriffs beschreiben und nicht bloĂ angeben, was das Wort gewöhnlich bedeutet, seien nur möglich, wenn der fragliche Gegenstand oder Begriff komplex ist. Universale Aussagen mit dem PrĂ€dikat âgutâ sind immer synthetische SĂ€tze, niemals Definitionen.
Nach dem Intuitionismus kann der Mensch in ethischen Fragen durch ein besonderes Empfindungsvermögen beurteilen, was gut ist, ebenso wie in der Ăsthetik das Schöne. Dies ist kein Vorgang der Wahrnehmung, sondern die FĂ€higkeit, eine gegebene Situation beurteilen zu können. Moralische Eigenschaften eines Sachverhaltes sind Ă€hnlich wie sekundĂ€re QualitĂ€ten oder dispositionale Eigenschaften aufzufassen. Ebenso wie man rot als wahrgenommene Eigenschaft ansieht, so ist Gerechtigkeit oder Ekel als Eigenschaft einer moralischen Tatsache zu beurteilen. Moralische Tatsachen sind fĂŒr den Nonnaturalisten ebenso wenig durch reduktionistische Theorien zu erfassen wie Qualia. Moralische Regeln sind in Anlehnung an Wittgenstein ebenso wie Sprachregeln nur durch ihren Gebrauch innerhalb einer Lebensform bestimmbar.cite-ref-26[26]
Klassische deutsche Vertreter des Intuitionismus (auch Nonnaturalismus genannt) sind Max Scheler und Nicolai Hartmann. In der Gegenwartsphilosophie wird er von John McDowell, David Wiggins und Mark Platts sowie in Deutschland von Franz von Kutschera vertreten.
Kritik am Intuitionismus
Wie die Ableitung von moralischen Aufforderungen aus FaktensĂ€tze ĂŒber Werte gemÀà den Schlussregeln der deontischen Logik funktionieren soll, ist unklar.
Die Position tendiert zum Werterelativismus, da es verschiedene Lebensformen gibt, in der verschiedene Werte erkannt werden, zum Beispiel Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums in der einen, Harmonie und soziale KohÀsion in der anderen Kultur.
Eine andere Kritik der Position hĂ€lt den Vergleich mit Qualia fĂŒr irrefĂŒhrend, da Qualia ohne die sinnliche Wahrnehmung von Naturobjekten nicht gedacht werden können. Die analogen Grundlagen, die moralische Urteile auslösen, existieren aber womöglich gar nicht, werden aber sicherlich nicht organisch wahrgenommen.
Naturalistische Kritiker erklĂ€ren, dass auch Ă€sthetische Urteile nicht auf objektive Schönheitsideale verweisen, sondern naturale Wurzeln in der Evolution haben. Das gelte auch fĂŒr den Einfluss der Moral auf intersubjektive Kommunikation, so dass auch hier nichts erkannt werde.
Problematisch fĂŒr den Intuitionismus ist die Tatsache, dass alle Nicht-Intuitionisten verneinen, dass sie selbst eine moralische Intuition im Sinne des Intuitionismus haben. Der Intuitionismus muss entweder die allgemeine Verbindlichkeit moralischer Normen aufgeben, oder er muss Nicht-Intuitionisten als metaethisch irrelevante, ggf. wahrnehmungsgestörte Personen betrachten, was diese aber auch nicht ĂŒberzeugen wird, gemÀà der von Intuitionisten angeblich erkannten moralischen Werte zu agieren.
Supernaturalismus
Wird die Existenz von Werten mit einer Instanz begrĂŒndet, die vom Menschen unabhĂ€ngig ist und auĂerhalb des Bereichs der NaturerklĂ€rung liegt, zum Beispiel mit Gott, spricht man von Supernaturalismus. Diese BegrĂŒndung basiert auf religiöser Offenbarung oder spirituellen Einsichten. Als supernaturalistisch gilt auch eine Interpretation des PrĂ€ferenzutilitarismus, fĂŒr die die Nutzenoptimierung ein exogen vorgegebenes Prinzip ist.
Die Kritik von Christian Wolff, der selbst einen theistischen Standpunkt vertritt, geht davon aus, dass die Gesetze der Moral mehr oder weniger natĂŒrlich sind und daher auch ohne Religion, insbesondere durch einen Akt der Offenbarung durch Gott erschlossen werden können. Als Beleg fĂŒr diese These verweist Wolff auf damals aktuelle Berichte ĂŒber das chinesische Reich.cite-ref-27[27]cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]
PrÀskriptivismus
Der universelle PrÀskriptivismus ist eine sprachphilosophische Theorie, die im Zuge der Kognitivismusdebatte entstand. Sie nimmt in dieser Debatte eine Sonderrolle ein, da sie weder mit kognitivistischen AnsÀtzen, noch mit nonkognitivistischen AnsÀtzen konform geht. Der wichtigste Vertreter ist R. M. Hare, der den Universellen PrÀskriptivismus vertritt, nach dem moralische Urteile zugleich bindend und motivational sind. Andere Philosophen wie Sokrates und Aristoteles und vor allem Immanuel Kant haben Àhnliche Auffassungen vertreten. So lÀsst sich beispielsweise der Obersatz eines aristotelischen praktischen Syllogismus als eine derartig vorschreibende moralische Norm auffassen.
Hare zufolge formulieren moralische Urteile Befehle, Forderungen, Erwartungen und Empfehlungen, die ohne logischen Widerspruch auch missachtet werden könnten. Moralische Normen sind Hare zufolge Aufforderungen wie z. B.: âTöte niemanden!â Diese Aufforderungen lassen sich nicht auf Fakten reduzieren, hierin folgt er Hume gegen den Kognitivismus.
Er weist aber gleichzeitig die Schlussfolgerung nonkognitivistischer AnsĂ€tze zurĂŒck, dass aus einem nicht auf Tatsachen beruhendem Urteil deren generelle UnbegrĂŒndbarkeit abgeleitet werden kann. Es sei möglich, SĂ€tze unabhĂ€ngig von ihrer empirischen Basis zu begrĂŒnden.cite-ref-30[30] Weil er zeigen möchte, dass beide Fragen nicht logisch miteinander verknĂŒpft sind, muss er eine eigene Methode zur Analyse moralischer SĂ€tze vorlegen.cite-ref-31[31]
Die Grundidee des PrĂ€skriptivismus ist der Unterschied zwischen Behauptungen und Forderungen bei einer Diskrepanz zwischen Satz und Welt. Bei einer falschen Behauptung ist der Satz falsch, und man muss den Satz Ă€ndern, um zu einem wahren Satz zu kommen. Bei einer nicht erfĂŒllten moralischen Norm ist etwas in der Welt falsch. Man muss nun nicht die Forderung der Welt anpassen, sondern die Welt verĂ€ndern. Folgerungen von FaktensĂ€tzen auf normative SĂ€tze sind auch dem PrĂ€skriptivismus zufolge ein Naturalistischer Fehlschluss.
Hare geht davon aus, dass ethische Werturteile sich ohne groĂe Schwierigkeit in Imperative (Befehle, Handlungsanweisungen) umformulieren lassen. Wertsemirelationale oder -konstituierende SĂ€tze mit âgutâ enthalten also ein imperativisches Element, eine Empfehlung oder Handlungsanweisung. Sie unterscheiden sich von einfachen Imperativen vor allem durch ihre angenommene Allgemeinverbindlichkeit: Befehle sind immer an ein Individuum oder an eine individuelle Klasse von Menschen gerichtet; Werturteile erheben einen Anspruch auf allgemeine Geltung, weil in ihnen auf einen WertmaĂstab oder ein Handlungsprinzip Bezug genommen wird, das der Sprecher vertritt und dem er allgemeine Geltung zuschreibt.
Ein Werturteil spricht also nicht nur eine Billigung aus, sondern ist auch eine Empfehlung, eine Handlungsanweisung, in der auf ein allgemeines Prinzip Bezug genommen wird, so wie es der Sprecher versteht und bejaht. Er verpflichtet sich damit, jede andere Handlung, die dieser Handlung in den wesentlichen Eigenschaften Àhnlich ist, ebenfalls als gut zu bezeichnen.
âGutâ, wie es in moralischen ZusammenhĂ€ngen gebraucht wird, hat hier also eine beschreibende und eine wertende Bedeutung, wobei die letztere die primĂ€re ist. Der Zweck des Wortes âgutâ und anderer Wertwörter ist in ihrer VerstĂ€rkungswirkung bei der zielgerichteten Vermittlung von WertmaĂstĂ€ben zu sehen. Wer weiĂ, nach welchen MaĂstĂ€ben der Sprecher urteilt, kennt zugleich dessen beschreibende Bedeutung von âgutâ.
Nach Auffassung des PrĂ€skriptivismus ist es logisch nicht möglich, dass eine Person denkt 'Man soll in der Situation X die Handlung Y tun' und dennoch in der Situation X nicht meint, dass sie Y tun soll. Entweder stimmt sie dem entsprechenden Satz zu, dann handelt sie auch demgemĂ€Ă; oder, wenn sie nicht demgemÀà handelt, ist sie auch nicht entsprechend ĂŒberzeugt.
Hares Position wurde sehr oft verkĂŒrzt dargestellt, zum Beispiel zu Beginn seines philosophischen Wirkens als Emotivist,cite-ref-32[32]cite-ref-33[33] spĂ€ter als Dezisionist. Hare hat allerdings im Laufe der Zeit ein sehr komplexes Werk vorgelegt, indem er viele Argumente gegen den Nonkognitivismus verarbeitet und viele objektivierende Elemente in seine Moralphilosophie integriert hat. Als Restbestand der Kritik gegen den PrĂ€skriptivismus verblieb, dass Hare Amoralisten keine logische InkohĂ€renz unterstellt.
Kritischer Konventionalismus
Der Standpunkt des Kritischen Rationalismus nennt sich Kritischer Konventionalismus oder Kritischer Dualismus (von Fakten und Normen). Insbesondere Hans Albert hat sich damit auseinandergesetzt. Demnach ist eine LetztbegrĂŒndung der Moral nicht möglich (vgl. MĂŒnchhausen-Trilemma). Moralische MaĂstĂ€be mĂŒssten letztlich âerfunden und festgesetzt werden, wie dies auch fĂŒr die Kriterien des wissenschaftlichen Denkens giltâ.cite-ref-34[34] Karl Popper betont jedoch, dass Festsetzungen nicht âweil konventionell, das heiĂt vom Menschen geschaffen, âbloĂ willkĂŒrlichââ sind.cite-ref-35[35] FĂŒr den Kritischen Rationalismus stellt sich die Frage nach Realismus versus Antirealismus nur sehr beschrĂ€nkt und die Frage nach Kognitivismus versus Nonkognitivismus gar nicht. Beide GegensĂ€tze behaupten eine Einheit oder enge Verbindung von Wahrheit und BegrĂŒndung im Sinne der klassischen Erkenntnistheorie (Satz vom zureichenden Grund). Der Kritische Rationalismus lehnt diese Auffassung jedoch ab und verbindet stattdessen die Aufrechterhaltung der Idee der absoluten Wahrheit mit einem radikalen Erkenntnisskeptizismus. ZusĂ€tzlich vertritt der Kritische Rationalismus auch auf dem Gebiet der Ethik einen Fallibilismus (der Mensch kann sich auch hinsichtlich von ethischen Normen irren) und einen Negativismus (alle gĂŒltigen Argumente versuchen ethische Normen zu kritisieren, nicht sie positiv auszuzeichnen â die BewĂ€hrung von ethischen Normen ist erkenntnistheoretisch irrelevant). Es besteht also kein wesentlicher Unterschied zwischen der erkenntnistheoretischen Stellung des Kritischen Rationalismus zu wissenschaftlichen SĂ€tzen und seiner Stellung zu moralischen Normen. Beide können und sollen nicht begrĂŒndet werden. Worauf es ankommt, ist lediglich, dass sie kritisiert werden. Und das ist mit logischen BrĂŒckenprinzipien durchaus möglich. So gibt es das streng deduktive Kriterium Ultra posse nemo obligatur, dass das Sollen das Können impliziert, und Können kann durch empirische Theorien kritisiert werden. Da Normen auĂerdem fĂŒr den Kritischen Rationalismus Problemlösungsversuche darstellen, sind sie durch die empirische Feststellung kritisierbar, dass ihre Anwendung das Problem nicht löst.cite-ref-36[36] Umgekehrt behauptet der Kritische Rationalismus jedoch einen Unterschied zwischen wissenschaftlichen Theorien und ethischen Normen auf faktischer Ebene. Der Verlauf der Geschichte kann, anders als es der Historizismus behauptet, nicht in Form eines Naturgesetzes vorhergesagt werden. Denn da die zukĂŒnftigen Resultate der Wissenschaft die Geschichte beeinflussen, mĂŒssten sich mit einem solchen moralischen Naturgesetz auch diese Resultate vorhersehen lassen, was aber logisch paradox ist. Daher kann vom Sein nicht auf das Sollen geschlossen werden. Der Staat soll sich nach Popper daher auf den Erlass und die Durchsetzung von Gesetzen beschrĂ€nken, die das Leid in der Gesellschaft bekĂ€mpfen. Er soll hingegen auf Gesetze verzichten, die höhere moralische Werte durchzusetzen versuchen. Solche höheren moralischen Werte zu wĂ€hlen, zu leben und fĂŒr sie zu werben, soll allein Sache der BĂŒrger sein, in die sich der Staat nicht einmischt. Und zudem muss der Staat nach Popper unter demokratischer Kontrolle stehen, damit die Herrschenden zur Rechenschaft gezogen und unblutig abgewĂ€hlt werden können, wenn sie der Gesellschaft eine falsche Moral aufzuzwingen versuchen, die das Leid vermehrt, statt es zu vermindern.
Siehe auch
Literatur
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SekundÀrliteratur
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Einzelnachweise
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cite-note-22. â Peter Schaber: Moralischer Realismus. Freiburg 1997, S. 33.
cite-note-33. â Christoph Halbig: Was ist moralischer Realismus? In: Halbig/Suhm, S. 281.
cite-note-44. â Max Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. 6. Auflage. (1916), Bern 1980, S. 37/38.
cite-note-55. â Thomas Nagel: Der Blick von Nirgendwo. Frankfurt 1992, S. 249.
cite-note-66. â Adam Smith: Theorie der ethischen GefĂŒhle. Vgl. auch Ernst Tugendhat: Vorlesungen ĂŒber Ethik.
cite-note-77. â Garner und Rosen (Moral Philosophy, Kapitel 13 (âNoncognitivist Theoriesâ)) sowie Brandt (Ethical Theory, Kapitel 9 (âNoncognitivismâ)) klassifizieren die (meta-)ethischen Theorien von Ayer, Stevenson und Hare als ânonkognitivistischâ.
cite-note-88. â Ogden und Richards, Meaning. S. 125: â'Good' is alleged to stand for a unique, unanalyzable concept ⊠[which] is the subject matter of ethics. This peculiar ethical use of 'good' is, we suggest, a purely emotive use. ⊠Thus, when we so use it in the sentence, 'This is good,' we merely refer to this, and the addition of "is good" makes no difference whatever to our reference ⊠it serves only as an emotive sign expressing our attitude to this, and perhaps evoking similar attitudes in other persons, or inciting them to actions of one kind or another.â Dieses Zitat erscheint in einer ausgeweiteten Fassung gerade vor dem Vorwort von Stevensons Ethics and Language.
cite-note-99. â Vgl. auch Matthew Chrisman: Emotivism. (PDF; 162 kB), In: International Encyclopedia of Ethics. Wiley-Blackwell, 2013.
cite-note-1010. â Praktische Philosophie 2b: Metaethik - Kognitivismus vs. Nonkognitivismus. Abgerufen am 23. Juni 2021 (deutsch).
cite-note-1111. â Pepper: Ethics. S. 277: â[Emotivism] was stated in its simplest and most striking form by A. J. Ayer.â
cite-note-1212. â Brandt: Ethical Theory. S. 239, bezeichnet Stevensons Ethics and Language als âthe most important statement of the emotive theoryâ, und Pepper (Ethics. S. 288) schreibt, dass â[it] was the first really systematic development of the value judgment theory and will probably go down in the history of ethics as the most representative for this school.â
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cite-note-1717. â Vgl. etwa Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie, 1872; DelNegro, Walter: Die Rolle der Fiktionen in der Erkenntnistheorie Friedrich Nietzsches; MĂŒnchen 1923; Heintel, Erich: Wirklichkeit, Wahrheit und Wert bei Nietzsche; Wien 1935; Nadeem Hussain: Honest Illusion: Valuing for Nietzscheâs Free Spirits, in Brian Leiter, N. Sinhababu (Hrsg.): Nietzsche and Morality, Oxford: Oxford University Press 2007
cite-note-1818. â JĂŒrgen Habermas, Legitimationsprobleme im SpĂ€tkapitalismus, Frankfurt 1937, S. 148â152.
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cite-note-2424. â Christian Wolff: VernĂŒnfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen auch allen Dingen ĂŒberhaupt. Frankfurt/ Leipzig 1751. (Nachdruck: Georg Olms Verlag, Hildesheim / New York 1983. [Deutsche Metaphysik])
cite-note-2525. â Vgl. Tatjana Tarkian: Moralischer Realismus. Varianten und Probleme. In: Halbig/Suhm, S. 321.
cite-note-2626. â Vgl. Tarkian mit Bezug auf McDowell: Values and Secondary Qualities, in Mind, Value, and Reality. Harvard University Press, Cambridge/Mass. 1998, 131-150
cite-note-2727. â Christian Wolff: Rede ĂŒber die praktische Philosophie der Chinesen. (1724) Ăbersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Michael Albrecht. Meiner, Hamburg 1985 google-Buchseitenvorschau
cite-note-2828. â Christian Wolff: VernĂŒnfftige Gedancken von der Menschen Thun und Lassen, zu Beförderung ihrer GlĂŒckseligkeit. Frankfurt/Leipzig 1733. (Nachdruck: Georg Olms Verlag, Hildesheim / New York 1976 [Deutsche Ethik] §.19)
cite-note-2929. â Christiani Wolfii: Philosophia Practica Universalis, Methodo Scientifica Pertractata, pars posterior, praxin complectens, qua omnis praxeros moralis principia inconcussa ex ipsa animae humanae natura a priori demonstrantur. Frankfurt/ #Leipzig 1739. (Nachdruck: Georg Olms Verlag, Hildesheim / New York 1979)
cite-note-3030. â Hare: Moral Thinking. 1981, S. 216 und S. 20f.
cite-note-3131. â Hare 1989, S. 34f.
cite-note-3232. â Brandt, Ethical Theory. S. 221: âA recent book [The Language of Morals] by R. M. Hare has proposed a view, otherwise very similar to the emotive theory, with modifications âŠâ
cite-note-3333. â Wilks: Emotion. S. 79: â⊠while Hare was, no doubt, a critic of the [emotive theory], he was, in the eyes of his own critics, a kind of emotivist himself. His theory, as a consequence, has sometimes been depicted as a reaction against emotivism and at other times as an extension of it.â
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